Die Kühe von Makhasaneni

30.03.2017

Niemand im Dorf hatte die Vertreibung einst miterlebt. Dennoch lebt der Wunsch in den Menschen weiter, zurückzukehren auf das Land der Ahnen. Eine aussergewöhnliche Geschichte aus Südafrika über die Arbeit von Fastenopfer zur Ökumenischen Kampagne.

Diese Geschichte beginnt 1879, zur Zeit des Zulukriegs, als in Südafrika die Briten die Zulus besiegten. Als kurz darauf die weissen Siedler auftauchten und den Boden mit ihren Pflügen bestellen wollten, vertrieben sie zusammen mit der Armee die ansässige Bevölkerung von ihrem angestammten Land. Zu den Betroffenen gehörten auch die Vorfahren von Mthokozi Buthelezi*.

Buthelezi ist heute 91 Jahre alt. Sein Wort hat im Dorf immer noch Gewicht. Denn Buthelezi ist der Häuptling von Makhasaneni, der seine Zuhörer gerne zwischendurch mit einem Spässchen aufheitert. Um gleich darauf seine Stirn in Falten zu legen und mit ernster Mine weiter zu fahren. Hier am neuen Ort sei das Leben ungleich schwerer. Die Hügel sind zu steil, um es mit dem Pflug zu bearbeiten. „Makhasaneni“ heisst denn auch in der Sprache der Zulu „Ort, wo man auf allen vieren kriechen muss“. Das Schicksal der Vertriebenen war somit besiegelt: „Ohne fruchtbaren Boden sind wir abhängig von den Farmern, die uns vertrieben haben.“ Er sagt dies ohne Groll, aber bestimmt.

In Makhasaneni gibt es kaum Erwerbsmöglichkeiten. Die Menschen sind arm. Buthelezis Familie bildet trotz seines Status keine Ausnahme. Er besitzt zwar 16 Kühe und 5 Ziegen. Und auf dem kleinen Feld wächst etwas Mais, Yams, Kartoffeln und Kürbis. „Aber dieses Jahr war zu trocken und die Ernte sehr schlecht.“ Und so hängen die 17 Personen in seinem Haushalt von den beiden bescheidenen Pensionen von ihm und seiner Frau ab.

Die Vertreibung ist für die Menschen hier doppelt fatal: „Der Boden ist zentral für die Ernährung. Mindestens ebenso wichtig ist seine spirituelle Bedeutung“, erklärt Buthelezi. Wenn die Menschen hier nicht weiter wissen, gehen sie zum Ort, wo ihre Vorfahren begraben liegen und fragen sie um Rat. „Es schmerzt sehr, die Gräber zurückzulassen. Plötzlich ist dieser Ort nicht mehr zugänglich. Physisch sind wir zwar hier, aber unsere Herzen sind immer noch am alten Ort“, sagt Buthelezi.

Das Risiko der Jungen

Heute ist ein spezieller Tag für Buthelezi. Zusammen mit dem Besucher aus der Schweiz fährt er auf das Land seiner Vorfahren. Es ist ein bewegender Moment. Vorbei an Feldern, auf denen nur noch Baumstrunke an die vor Kurzem gerodete Baumplantage erinnert. Auf einer Wiese stehen ein paar unscheinbare Bäume dicht nebeneinander. Zwischen ihnen zeugen einzig ein paar verstreute Felsbrocken von den Gräbern der Vorfahren.

 

Buthelezi geht weiter über den sanften Hügel. Er weiss genau, wo einst das Gehöft seiner Familie stand. Heute ist da nur noch halbhohes, dürres Gras. „Ich fühle den Schmerz in meinem Leben. Denn die Menschen, die von hier vertrieben wurden, sind die Menschen die ich sehr mochte. Und ich mag sie noch immer, jetzt, da sie tot sind.“, sagt er. Deshalb setze er sich für die Kinder ein. „Damit sie bekommen, worauf sie ein Anrecht haben“. Diese haben nun das Heft selber in die Hand genommen.

Zu Ihnen gehört Leon Buthelezi, ein Neffe des Häuptlings. Er und seine Freunde brachten eines Nachts, ohne Wissen der Eltern, jeder zehn Kühe der eigenen Familie mit. Die Herde von 100 Stück Vieh trieben sie auf das Land ihrer Vorfahren, wo der Grossgrundbesitzer die Setzlinge für ein Zuckerrohrfeld ausgebracht hatte. Die neuen Pflanzen hätten den Boden ausgelaugt und als Weideland unbrauchbar gemacht. Die jungen Männer versteckten sich in den Büschen, um zu beobachten, was passieren würde: Auf der Suche nach Gras trampelten die Kühe die Setzlinge nieder. Die Farmarbeiter kamen herbei, doch konnten sie der vielen Kühe nicht Herr zu werden. Ihr Plan ging auf, doch er war sehr riskant. Denn: In Südafrika darf ein Bodenbesitzer für eine fremde Kuh auf seinem Land ein Pfand von 100 Rand, rund sieben Franken, verlangen. Viele Besitzerfamilien der 100 Kühen hätte ein solcher Betrag vor grosse Schwierigkeiten gestellt. Heute aber, Monate später, weiden ihre Kühe vereinzelt immer noch hier.

Zweite Vertreibung?

Land Grabbing steht im Zentrum der diesjährigen Ökumenischen Kampagne. Diese Landnahme hat in Südafrika eine lange Tradition, wie das Beispiel Makhasaneni zeigt. Als 1994 die Regierung Mandela die Apartheid beendete, versprach sie, mit einer Landreform 30% des Landwirtschaftslands an die schwarze Bevölkerung zurück zu geben. Doch gerademal 7% wurden bislang umverteilt. Die Passivität der Regierung droht die bestehende Ungerechtigkeit zu zementieren. Zudem gehen die Vertreibungen bis heute weiter.

Buthelezi und die anderen Einwohnerinnen und Einwohner von Makhasaneni sind nicht allein. Begleitet und beraten werden sie von Landdesk, einem Ableger der südafrikanischen Bischofskonferenz, der von Fastenopfer unterstützt wird. Landdesk weiss, auf welche Gesetzesartikel der Dorfrat sich bei seinen Einsprachen berufen muss und an wen er diese richten muss. Und Landdesk hilft auch, weitere Schritte zu planen.

Nun droht dem Dorf und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern weiteres Ungemach: Ein Bergbauunternehmen plant hier eine Mine zum Abbau von Eisenerz. Es geht um eine Fläche von 19‘000 Hektaren, 600 Haushalte sollen umgesiedelt werden. Der Unmut im Dorf ist gross, sagt Vuyisile Kubheka, Mitglied des Dorfrats und Priester: „Die erste Vertreibung war, wie wenn uns ein Bein abgeschnitten worden wäre und wir noch mit einem Bein weiterleben. Eine zweite Vertreibung würde uns nun auch noch das zweite Bein kosten.“

Zwischen den Bäumern ein paar verstreute Felsbrocken von den Gräbern der Vorfahren.
Zwischen den Bäumern ein paar verstreute Felsbrocken von den Gräbern der Vorfahren.

Landdesk organisierte den Transport für den Protestmarsch zur zuständigen Behörde in der Provinzhauptstadt. Und Landdesk begleitet den Dorfrat bei der Umfrage in der Bevölkerung: Erteilt Ihr uns die Vollmacht, damit wir uns in Eurem Namen auf legalem Weg gegen das Minenprojekt zur Wehr setzen? Es zeigte sich: Das Engagement des Dorfrats ist ganz im Sinn der Bevölkerung.

Zurück im Dorf widmet sich Häuptling Buthelezi wieder dem Bau eines Hauses auf seinem Gehöft. Der 91jährige baut ganz allein die Querverstrebungen für das Mauergerüst. Einzig um die Pflöcke einzuschlagen, bat er einen seiner Söhne um Hilfe. Später wird er aus Lehm und Dung die Wände bauen. Das Haus baut er für seinen Grossvater, gleich neben dem Haus seines Vaters. „Damit sie in meiner Nähe sind und mich beschützen!“ Und vielleicht sind diese beiden Häuser für die Verstorbenen Symbol für das Einsehen und die Hoffnung zugleich, dass dieser Ort vielleicht das Zuhause bleiben wird. Dass es von hier weder ein Weiter noch ein Zurück gibt.

Patricio Fre

* Namen geändert

Dieser und weitere Artikel zum Thema Land Grabbing wurden in ite – Die Eine-Welt-Zeitschrift publiziert.