Land Grabbing

Durch Land Grabbing wird der Boden zur Kapitalanlage – auf Kosten der lokalen Bevölkerung

03.03.2017
In Indonesien müssen immer mehr Flächen Palmölplantagen weichen.

Manchmal erhält man einen ungefilterten Einblick in die Denkweise von Investoren, die in den letzten Jahrzehnten Millionen von Hektaren Land in allen Teilen der Welt an sich gerissen haben. «Das Land wurde teilweise zum ersten Mal für die landwirtschaftliche Nutzung urbar gemacht und damit aufgewertet», schrieb etwa das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über das Projekt des Genfer Agrotreibstoffkonzerns Addax in Sierra Leone.

Von Silva Lieberherr, Fachperson Landwirtschaft und Land Grabbing bei Brot für alle

Diese Begrünung des ungenutzten Landes ist bei den Investoren weit verbreitet, entpuppt sich beim näheren Hinsehen jedoch als pure Lüge, mit der seit Kolonialzeiten gerne argumentiert wird. Tatsache ist, dass bei den grossen Deals der letzten Jahre riesige Landflächen verpachtet wurden, auf denen die Bevölkerung bisher Lebensmittel angebaut hatte, ihr Vieh weiden liess oder Feuerholz und Medizinpflanzen sammelte. 2008 gab die internationale Nichtregierungs-organisation Grain, Partnerorganisation von Brot für alle, dem Phänomen einen Namen: Land Grabbing – auf Deutsch «Land an sich reissen». Doch was genau passiert mit dem Land? Und wer steckt dahinter?

Schnittblumen anstatt Maniok

Ein Teil der Flächen liegt brach und dient lediglich der Spekulation. Auf anderen werden Zuckerrohr für den Tank europäischer Autos, Ölpalmen für Duschgels und Fertiggerichte, Schnittblumen, Tomaten, Soja oder Mais für die Viehmast angebaut. Allen Land-Grabbing-Projekten gemeinsam ist, dass der Boden als Investitionsobjekt betrachtet und mit möglichst gewinnträchtigen Kulturen bepflanzt wird – anstatt mit Nahrungsmitteln, die die Menschen vor Ort satt machen. Es sind britische Konzerne in Ghana, amerikanische Investmentfonds in Kolumbien, aber auch chinesische Mischkonzerne in Frankreich, die sich riesige Landreserven über mehrere Generationen sichern. Einen Teil der Gelder dafür erhalten sie von Banken, von Staatsfonds oder von institutionellen Investoren. Eine zunehmend wichtige Rolle spielen dabei Pensionskassen sowie öffentliche Entwicklungsbanken und -fonds.

Einige der Investorinnen und Investoren machen keinen Hehl daraus, dass es ihnen hauptsächlich um Profit geht. Denn Land gilt angesichts der immer unberechenbareren Finanzmärkte als sicherer Wert. So sagt etwa die Managerin eines britischen Fonds, der in afrikanisches Land investiert: «Es ist wie als Kind im Süsswarenladen. Die Möglichkeiten sind immens!» Nicht selten schieben die Investoren auch höhere Ziele vor. Der Chef einer britischen privaten Aktienfonds hat etwa nichts weniger im Sinn, als «Afrika zu ernähren». Diese irrige Vorstellung einer Entwicklung von oben teilen auch die Weltbank, Regierungen und die Entwicklungsagenturen zahlreicher Länder: Sie setzten mit der Unterstützung der Land-Grabbing-Projekte auf eine industrielle Landwirtschaft und grossflächige Monokulturen, mit dem vordergründigen Ziel, alle Menschen satt zu machen. 

Seit der Genfer Agrotreibstoffkonzern Addax auf ihrem Land Zuckerrohr anbaut, muss diese Familie ihren Reis teuer einkaufen.

Mit Bulldozern vertrieben

Es ist dringend notwendig, dass sich die Bedingungen der Menschen auf dem Land in vielen Ländern der Welt verbessern. Aber die Verfechterinnen und Verfechter der grossen Landinvestitionen bleiben den Beweis schuldig, dass sich ihre Investitionen positiv auf das Wirtschaftswachstum und die Ernährungssituation der Menschen vor Ort auswirken. Zudem häufen sich die Fälle, in denen sich die Investorinnen und Investoren verspekulieren und Projekte scheitern – darunter einige der grössten Projekte überhaupt wie das 1-Million-Hektar-Ölpalmprojekt der indischen Siva Group, die inzwischen bankrott gegangen ist oder ein 700 000-Hektar-Reisprojekt der Islamischen Entwicklungsbank in Afrika. Trotzdem werden weiterhin Zehntausende Menschen von ihrem Land vertrieben – sei es mit zweifelhaften Verträgen und Versprechen oder mit Bulldozern, weil sich niemand für ihre Landrechte interessiert. Denn die Macht der Konzerne und Investoren und ihr Einfluss auf die Regierungen ist um ein Vielfaches grösser als die der Kleinbäuerinnen oder Hirten, die weder angehört werden noch eine Chance haben, sich bei Streitigkeiten zu wehren. Ausserdem,so ein ehemaliger Weltbankangestellter im Bereich Agrobusiness, sei es wie im kalifornischen Goldrausch: «Die ersten Investoren [im Land] sind oft nicht die appetitlichsten Charaktere.»

Der Widerstand wächst

Es geht um grosse Flächen: Mindestens 47 Millionen Hektar Land haben in den letzten zehn Jahren auf diese Weise die Hand gewechselt. Eine Fläche, die 12 Mal der Schweiz und 28 Mal deren landwirtschaftlich genutzter Fläche entspricht. Für die lokale Bevölkerung sind die Konsequenzen verheerend. Ohne Land können sich die Menschen nicht mehr selber ernähren und sind abhängig von den oft schlecht bezahlten und harten Jobs auf den neuen Plantagen.Auch die gerne versprochenen Schulen, Spitäler und Strassen bleiben oft leere Worte, während die auf den Monokulturen eingesetzten Düngemittel und Pestizide Flüsse und Böden verschmutzen. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass der Widerstand gegen die fortschreitende Landnahme wächst. So etwa in Sierra Leone, Äthiopien oder Benin. In Westafrika haben sich im Frühjahr 2016 rund 300 Organisationen und bäuerliche Netzwerke aus 15 Ländern zusammengeschlossen, um für ihr Recht auf Land und Wasser und gegen Land Grabbing zu protestieren. Sie werden dabei von Organisationen wie Grain und Brot für alle unterstützt, die sich im Süden wie im Norden für eine nachhaltige und bäuerliche Landwirtschaft einsetzen und Land-Grabbing-Fälle an die Öffentlichkeit bringen.

Verhaftet und getötet

Ungefährlich sind die Proteste der Menschen vor Ort nicht. Denn in der Regel sind die Regierungen auf den Seiten der Investoren – und Widerstand ist ihnen ein Dorn im Auge. Menschen, die sich wehren, werden als Terroristen abgestempelt, eingesperrt und eingeschüchtert, wie der äthiopische Pastor Omot Agwa, oder gar ermordet wie die honduranische Menschenrechts- und Umweltaktivistin Berta Cáceres. Sie zu schützen und sie bei der Verteidigung ihrer Landrechte und ihres Rechts auf Nahrung zu unterstützen, dafür engagieren sich Brot für alle und Fastenopfer.


Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen Dossier zum Thema Land Grabbing. Sie finden dieses auf www.sehen-und-handeln.ch/publikationen.