Fair Food

Höchste Zeit, die Geduld zu verlieren

25.05.2018
Die Fair-Food-Initiative kann Kleinbauern im Süden Perspektiven bieten: Ananas einer Kooperative in Kamerun werden zum Transport bereitgestellt.

Bio, fair, saisonal und regional: Zwei Landwirtschaftsinitiativen wollen diese Grundsätze noch in diesem Jahr in der Verfassung verankern.

Die Idee ist fast 50 Jahre alt. Seit die «Bananenfrauen» aus Frauenfeld gute Produktionsbedingungen und gerechte Preise für die gelben Früchte eingefordert haben, hat sich der faire Handel für tropische Produkte stark entwickelt. Gemessen am Umsatz der Fairtrade-Produkte ist die Schweiz gar Weltmeisterin. Auch die biologische Landwirtschaft ist hierzulande längst aus der Nische ausgebrochen. Und doch kommen weder «fair» noch «bio» über einen Marktanteil von rund 10 Prozent hinaus. In diesem Tempo würde es mehrere Hundert Jahre brauchen, bis auch die restlichen 90 Prozent unserer Lebensmittel so produziert werden, dass sie den Produzentinnen und Produzenten im In- und Ausland ein würdiges Leben ermöglichen und auch Boden, Wasser, Klima und Biodiversität schützen. Höchste Zeit also, die Geduld zu verlieren.  

Fast 50 Prozent Importe

Mit den beiden Landwirtschaftsinitiativen, die im Herbst oder Winter zur Abstimmung kommen, kann das Tempo für mehr Nachhaltigkeit in unserem Ernährungssystem deutlich erhöht werden. So fordert die Fair-Food-Initiative der Grünen, dass der Bund das «Angebot an Lebensmitteln fördert, die von guter Qualität und sicher sind, und die umwelt- und ressourcenschonend, tierfreundlich und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden». Diese Grundsätze sollen für einheimische und importierte Lebensmittel gelten. Knapp die Hälfte aller Lebensmittel, die wir in der Schweiz konsumieren, wird im Ausland hergestellt. So kommen etwa Tomaten aus Süditalien oder Spanien in die Schweiz, die von afrikanischen Migrantinnen und Migranten unter sklavenähnlichen Bedingungen geerntet wurden. Oder Fleisch und Eier aus deutschen Tierfabriken, in denen Käfighaltung und Antibiotikaeinsatz die Regel sind. Hier soll die Schweiz Massnahmen treffen, die den Import nachhaltiger Produkte fördern oder die Einfuhr von Lebensmitteln unterbinden, die gegen Schweizer Vorschriften – zum Beispiel beim Tierwohl – verstossen. Für Entwicklungsländer könnte die Initiative Chancen bieten, wenn kleinbäuerliche Genossenschaften, die ökologisch produzieren, gezielt gefördert werden und Marktvorteile gegenüber industriellen Grossbetrieben erhielten.

Keine Zeit fürs Schneckentempo

Die Initiative «Für Ernährungssouveränität» der Bauerngewerkschaft Uniterre richtet ihren Fokus dagegen auf die Situation im Inland. Der Bund soll die «einheimische bäuerliche Landwirtschaft» fördern, die «einträglich und vielfältig ist» und ökologisch und gentechfrei gesunde Lebensmittel produziert. Eine vielfältige Produktion ist bedroht, da aktuell in der Schweiz täglich drei Bauernbetriebe verschwinden. Mit verbesserten Arbeitsbedingungen und dem Erhalt des Kulturlandes will die Initiative dem entgegentreten. Uniterre ist Mitglied der internationalen Kleinbauernbewegung La Via Campesina, Partnerorganisation von Brot für alle. Ihre Initiative versteht sie als Beitrag zu einem globalen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft, der lokales und ökologisches Wirtschaften stärkt. Für diese Vision eines Ernährungssystems, das nicht von Wachstumszwang und Wegwerfmentalität bestimmt ist, sondern Mensch und Natur ins Zentrum stellt, setzen sich auch Brot für alle und Fastenopfer in ihrer Arbeit ein. «Biologisch, fair, regional und saisonal produzieren, handeln und konsumieren» muss schon in naher Zukunft zum Standard werden. Denn für eine Nachhaltigkeitspolitik im bisherigen Schneckentempo fehlt uns die Zeit. — Tina Goethe

Dieser Artikel stammt auf dem Dossier 02/18 zum Thema Agrarhandel.