Vom Reichtum des Verzichts

12.03.2018

Fasten hat im Lassalle-Haus Tradition: Zu allen vier Jahreszeiten führt das jesuitische Bildungshaus ob Zug Fastenwochen durch – und seit 2017 mit Fachleuten von Fastenopfer und Brot für alle bereichert werden.

«Zum ersten Mal gefastet habe ich zu Seminar-Zeiten in Bern. Der Religionslehrer hatte uns angehenden Lehrerinnen und Lehrern ein Experiment vorgeschlagen, das uns Herz und Geist öffnen sollte – nicht mit noch mehr Büchern und kritischen Diskussionen, sondern mit schlichtem Verzicht: Sieben Tage wollte er mit uns nichts essen, nur trinken. Wir einigten uns auf drei Tage und trafen uns mittags jeweils zu einer dünnen Fastensuppe. Das schien uns verrückt und rebellisch genug. Meine Eltern, reformierte Bauern im Berner Oberland, standen denn auch Kopf. Sie hatten Angst, dass ihre Tochter einem Schlankheitswahn verfallen könnte. Sie waren auch skeptisch – Fasten sei doch katholisch. So war die Rebellion natürlich erst recht interessant.

Aus der Rebellion wurde eine gute Gewohnheit. Als Studentin, später als Pfarrerin und Begleiterin von Fastenwochen in der Kirchgemeinde. Und heute als Fastenverantwortliche im jesuitischen Lassalle-Haus, wo ich seit 2016 arbeite und mit meinem Mann lebe. Wir bieten Fastenwochen zu allen vier Jahreszeiten an, und manchmal faste ich mit, wie nun vor Ostern, leite die Meditationen und die Nachmittags-Wanderungen rund um Bad Schönbrunn, wie der verträumte Weiler ob Zug heisst.

Im Sinn und Geist von Otto Buchinger

Wir fasten nach Otto Buchinger und schweigen die meiste Zeit des Tages. Der deutsche Arzt hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die heilende Wirkung des Fastens und die spirituelle Dimension des Schweigens erkannt – vielmehr wiedererkannt und aus dem reichen Schatz der Religionen gehoben. Als drittes gehört für das Lassalle-Haus die soziale Dimension untrennbar hinzu.

Wenn ich faste, geht es mir nicht einfach darum, nichts zu essen. Vielmehr nehme ich wahr, was mich sonst nährt. Das hat eine starke spirituelle Komponente: Ich werde wacher für die Verbindung über uns Menschen hinaus und begreife mich als Teil des Ganzen. Etwas tief Christliches: Man wird berührbar für das Fehlende in der Welt und nimmt den Einfluss auf diesen Planeten sensibler war – gerade durch den Überfluss unseres westlichen Lebensstils. Die Fachleute von Fastenopfer und Brot für alle, die jeweils vor Ort sind, zeigen auf, welche Auswirkungen unser Konsum, unser Essverhalten haben und viel wichtiger noch: wie man seinen Lebensstil verantwortungsvoll gestalten kann.

Der Fokus der letzten Herbstfastenwoche etwa lag auf Palmöl, das in unzähligen Produkten steckt – in Schokoriegeln, Kerzen, Körpercremen, Waschmitteln, Suppen, ja oft sogar im gut schweizerischen Müesli. Die Nachfrage nach Palmöl ist enorm, die Folgen sind verheerend. In dieser Deutlichkeit von Wort und Bild war das den wenigsten von uns bewusst. Die Gruppe schwieg zunächst betroffen, obwohl die Input-Runden in der Lassalle-Fastenwoche jeweils willkommene Gelegenheiten sind, das Schweigen zu brechen.

Auch ich fand erst wieder Worte, als uns die Fachfrau von Fastenopfer Alternativprodukte ohne Palmöl vorstellte und vom Engagement gegen das Abholzen des Regenwaldes berichtete. Seither lese ich in den Läden die Etiketten der Waren noch genauer. Oder verzichte einfach. Weniger ist mehr. Für mich und ganz bestimmt für die Welt.»

– Pfarrerin Noa Zenger (43), Fastenverantwortliche im Lassalle-Haus