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30.3.
Pflanzenrechte sind eine Frage der Haltung
Das Anerkennen von Rechten für Pflanzen ist, ebenso wie die Menschen- und Tierrechte, Ausdruck einer ethischen Grundhaltung. Denn wir sind auf Pflanzen angewiesen, sie wiederum nicht auf uns. Die Rheinauer Thesen fordern ein neues ethisches Verständnis im Umgang mit Pflanzen: Sie betonen, dass Pflanzen Anspruch auf Fortpflanzung, evolutionäre Entwicklung und respektvolle Behandlung haben.
So war es über Jahrtausende: Menschen haben durch Landwirtschaft und Landschaftsgestaltung zur Entstehung und Förderung biologischer Vielfalt beigetragen. Durch die Ausweitung von Infrastrukturen und die Industrialisierung der Landwirtschaft schränken wir diese Diversität heute wieder ein. Um Ernährungssicherheit und Ressourcenerhalt langfristig zu gewährleisten, braucht es Rahmenbedingungen, die die Vielfalt und Koexistenz unterschiedlicher Formen der respektvollen Pflanzenzüchtung ermöglichen. Respekt für die Pflanzenrechte ist Respekt für das Leben. Pflanzen zu achten heisst, Zukunft zu sichern.
Die Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen
«Pflanzenrechte sind eine Frage der Haltung»
Einige ethische Überlegungen von Amadeus Zschunke, Mitautor der Rheinauer Thesen und Geschäftsführer bei Sativa Rheinau, ein Betrieb, der sich für biologisches Saatgut einsetzt.
Auch Pflanzen brauchen Rechte – geht das nicht zu weit?
Zschunke widerspricht dieser Einschätzung. «Nein, denn Pflanzen liefern uns Nahrung und Sauerstoff. Sie machen uns viele Geschenke. Und damit sind wir der Pflanzenwelt auch zu Dank und Respekt verpflichtet. Ohne sie gäbe es für uns kein Überleben.» Die meisten Pflanzen hingegen kommen ganz gut ohne uns Menschen aus. Als Teil der Schöpfung sollten sie nicht als blosse ‘Nahrungsmittel produzierende Automaten‘ verstanden werden.
Konsequent weitergedacht bedeutet dies, dass Pflanzen ein Recht auf Fortpflanzung haben. Sie sollten nicht für Zwecke der Profitmaximierung sterilisiert, sondern sich weiterentwickeln dürfen. Nur genetische Vielfalt ermöglicht es ihnen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Wer Pflanzen als Lebewesen versteht, deren Empfindungsfähigkeit wir nicht mit Sicherheit verneinen können, sollte sie nicht auf Objekte reduzieren und sie folglich auch nicht patentieren.
Zum Vorwurf, Pflanzenwürde sei ein modernes Luxusphänomen, meint Zschunke. «Das ist nicht zwingend so. In indigenen Gemeinschaften, die ohne Überfluss leben, wird oft ein anderer Umgang mit der Pflanzenwelt gelebt. Dort wird sie teils sogar als beseelt wahrgenommen.» Eine rein profitorientierte Sicht auf die Natur ist vielmehr Ausdruck des Luxus hochindustrialisierter Gesellschaften. Pflanzen werden als Bausteine verstanden, die liefern sollen, was die Marktwirtschaft verlangt. Standardisierte Formen und Grössen von Früchten und Gemüse begünstigten Ausschuss und damit Food Waste. Aus ethischer, philosophischer Sicht ist das respektlos einer Pflanze gegenüber. Zschunke betont aber: «Da ist kein moralischer Dogmatismus dahinter, sondern ein Wahrnehmen und Rechnung tragen von Realitäten».
Als Konsument:innen können wir zu einem neuen Bewusstsein beitragen. Wer achtsam einkauft und auf Werte wie Geschmack, Vielfalt, Saisonalität und Genuss setzt, fordert damit zugleich eine respektvolle und ethisch verantwortbare Haltung gegenüber Pflanzen ein.
«Jeder Mensch hat immer eine Haltung», sagt der Mitautor der Rheinauer Thesen, «ob bewusst oder unbewusst. Auch Gleichgültigkeit ist eine Haltung. Aber eine Haltung mit Folgen.»